Sonntag, 18. Oktober 2020
So., 18. Oktober
Dr. Lohse berichtet: Die 32. Woche der Pandemie
Es ist immer noch trüb, soll aber heute Nachmittag besser werden, höchste Zeit, einmal wieder auf die Jagd zu gehen. Die Rehe, die im Sommer eher ein paradiesisches Leben haben, grüne Pflänzchen und Mais, Getreide und leckere Triebe, setzen nun ihr Winterfell an und suchen sich mit viel Futter für den Winter und seine Hungerperiode zu wappnen. Jetzt ist Zeit, die schwächeren Kitze zu identifizieren, die Anzahl der Rehe zu schätzen. Auf dieser Basis erfolgt dann der Abschuss, der so gestaltet sein soll, dass es dem Wald und dem Wild beiden gut geht. Und mir, der seine Nase in den Wind reckt und möglicherweise die Grundlage für einen guten Braten oder ein saftiges Gulasch mit nach Hause bringt.

Es tut sich viel an der Basis. Die Covid-Fallzahlen steigen wie erwartet, steiler als erhofft. Klassenschließungen in den Schulen (jetzt hat es die Geretsrieder Waldorf – Schule erwischt) werden zur Tagesordnung. Ein Patient von uns liegt schwer darnieder, zusätzlich zu seiner Covid-Erkrankung hat der mittelalte nicht vorerkrankte Familienvater noch Streptokokken auf den Mandeln. Nach einer Woche ist er fieberfrei und schleicht wieder ums Bett, das er vorher gehütet hatte.
Die Big Player – Leitung von KV und einige im Landratsamt sitzen es noch aus und hoffen, dass es nicht so schlimm wird, wobei die Arbeitsbasis sich emsig vernetzt, Erfahrungen und Konzepte austauscht. Die Very Big Player, Bundes- und Landesregierungen sind tatsächlich ihrer Zeit voraus und integrieren Covid-Schnelltests in ihre neue Pandemiestrategie. Das hat allerdings der Mittelbau noch nicht bemerkt, dauert noch.
Wir – meine Frau und ich – haben einen besonderen Blick über den Zaun: Unsere mittlere Tochter ist tätig als Ärztin, Innere Medizin. Die erste Welle war sie wochenlang Stationsärztin einer Covid-Station in Nürnberg, erlebte dort den ersten Anprall. Nun wechselte sie vor einigen Wochen in ein Spital in Schwyz in der Schweiz. Dort sind die Berge der Seeligen, es gibt in diesem Kanton quasi keine Einschränkungen, Masken kennt man aus dem Fernsehen. Da die Kommunikation in den Bergen in der Vorelektrozeit schwierig war, wurde dort viel gejodelt. Jetzt gibt es Handy, aber gejodelt wird immer noch. So fand vor etwa drei Wochen ein Jodelfestival statt, viele Menschen und Freude, Singen und Trunk. A bisserl wie unser Maibaum im März. Jetzt ist Schwyz der Hotspot der Schweiz. Sehr viele Hundert Positive, viele hundert teils schwer Kranke. Das Spital, vergleichbar mit unserem Kreiskrankenhaus, nimmt täglich 5-8 Patienten neu auf, es ist abzusehen, dass die ersten das nicht überleben werden. Und unsere Tochter ist wieder Stationsärztin einer Covid Station, jetzt in der zweiten Welle.
Station für Station wird nun mit diesen Patienten gefüllt. Wie der Blitz aus heiterem Himmel.
Da die Behörden dort noch sehr träge reagieren, muss die Klinik zur Selbsthilfe greifen. Hier der Link zu einem Video, das die Klinik in Selbst-Nothilfe laienhaft gedreht hat. Dies Video ist nun in der ganzen Schweiz „viral“. Alles verstehe ich nicht, die Botschaft wohl. Die letzten 2 Wochen bestand eine Inzidenz von 368/100000. Jetzt, nach dem Video, dass übrigens auch in der New York Times für Aufmerksamkeit sorgt, sind drastische Maßnahmen ergriffen worden: Bei Veranstaltungen ab 50 Personen soll eine Maske getragen werden, ebenso wie in Geschäften, wenn man nicht gut Abstand halten kann.

Ich fürchte, wir werden uns auf einen grauen, langen Winter einstellen müssen, und alle sinnvollen Regeln einhalten. Egal auf welchem Teil des Vorschriftenpuzzles wir gerade sitzen. Die Regeln sind einfach: Abstand, Hygiene, Maske.

Jagen darf man ohne Mundschutz. Stellen Sie sich mal vor, im Wald schwebt ein einsamer hellblauer Mundschutz durch die Gegend. Erst bei genauem Hinsehen entdecken Sie den gut getarnten Jäger hinter dem Mundschutz. Da hätten die Rehe was zu lachen…

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