Sonntag, 21. März 2021
So., 21. März 2021
Dr. Lohse berichtet: Die 54. Woche der Pandemie in Münsing
Ich habe es nicht ausgehalten: Gestern habe ich aus unserem Weiher die ersten beiden Fische wieder herausgefischt. Der Geduldigste bin ich leider tatsächlich nicht, also warte ich auf die allernächste Ausrede: Unsere Tochter, in einem Spital in der Schweiz tätig, kommt dieser Tage auf Besuch. Das ist die Gelegenheit. Mit Angel und Kescher bewaffnet zieht meine Frau, unsere Tochter und ich los, stapfen durch den Schnee zum Weiher und sehen erst einmal keinen einzigen Fisch. Saiblinge halten sich gerne in Bodennähe auf, die Bachforellen sind auch eher etwas unter der Wasseroberfläche. Hoffentlich hat keiner uns all die schönen Fische entführt! Reiher, Kormorane und Gänsesäger, gefürchtete Feinde des Teichwirtes, können schwere Konkurrenten werden und einen Teich schneller leeren, als die Fische nachwachsen. Als ich nach ein paar Augenblicken den ersten Fisch vorbeiblitzen sehe, wie er dann nach einer Schneeflocke schnappt, schiebe ich erleichtert Rachephantasien gegen gefiederte Angler beiseite. Fachmännisch werfen wir die Angel aus, frieren an den Fingern, Ohren und Nasen. Es dauert keine zehn Minuten und es liegen zwei prachtvolle Fische, eine Bachforelle und ein Saibling im Schnee. Ganz andere Phantasien bevölkern meine Gedanken, Forelle gebacken, geräuchert, gebraten, blau ?



In der Welt der Pandemie ist der Wahlkampf ausgebrochen, es wird ziemlich ungemütlich: Der Bundesgesundheitsminister stoppt wegen ungeklärter Komplikationen die Impfungen mit AstraZeneca, gibt sie nach Prüfung wieder frei. Die Presse heult laut auf, es wird von Staatsversagen getönt, die Umfragewerte sinken.
Es finden nun gehäuft Treffen zum Thema Impfen statt, die man sich eigentlich sparen könnte, es sei denn, die Minister stricken bei ihren Treffen noch nebenher ein paar Impfstoffe. Es weiß jedes Kind, dass es zu wenig Impfstoff gibt. Vor Monaten wollte man noch edel und gut sein und nicht alle Impfstoffe raffen, d.h. den anderen vor der Nase wegkaufen. Es ist die Rede von europäischer Solidarität und Teilen mit Entwicklungsländern gewesen. Nun wird neidig auf die national denkenden Staaten (ein anderes Wort für unsolidarisch denkenden Staaten) geschielt, die tolle Zahlen vorweisen können. Die USA, Großbritannien, und andere, die können es gut, die behalten auch gleich mal soviel des im Land produzierten Impfstoffes, dass es first für einen selber reicht. Und wir hier, mit unseren Staatsversagern ?..
Ich empfinde diese Kakophonie belastend, unfair und sehr anstrengend, da sie destruktiv ist und die Politiker zu falschen Reaktionen treibt. Wer das Handeln der Entscheider beurteilen möchte, sollte zurück gehen an die Weiche der Entscheidung. Zum Bespiel: Ist es richtig oder falsch, Solidarität als Prinzip der Planung mit einzubeziehen? Sind wir Bayern, Deutsche, Europäer oder Weltbürger? Oder sollte sich jeder nach dem Gesetz der Marktwirtschaft eine Impfung kaufen können, wenn er genug dafür zahlen kann? Die Priorisierung, ist die richtig? Die Entscheidungen sind in der zweiten Hälfte des letzten Jahres gefallen. Die Dokumentation, die Beobachtung der Impfungen? (Hier gehöre ich zu den Kritikern, Anm. d. Verf.).
Auch jetzt fallen neue Entscheidungen: Die Impfungen in den Hausarztpraxen. Im Jahr des Wahlkampfes wird dieses leider nicht gut angegangen. Es werden Versprechungen vollmundig gemacht, Sitzungen einberufen, Forderungen gestellt und vor allem Erwartungen und Hoffnungen geweckt. Und ich sitze als kleiner Landarzt und Koordinator hier unten und schüttele nur meinen Kopf.
Wenn sich all die Ankündiger und Kritiker zusammensetzen würden, eine Runde Karten spielen würden, Zuversicht und Geduld ausstrahlen würden, und nebenher noch ein paar Impfungen basteln würden, dann wäre es vermutlich klüger und anständiger.
Aber so finden wir uns in einer Atmosphäre der enttäuschten Erwartung wieder, bekommen zum Trost noch sinnlosere Versprechen und Scheinaktionen.

Das zieht in seiner Gesamtheit an den Nerven und laugt etwas aus, da bin ich froh, dass der Winter allmählich weicht und die immer wärmere Sonne den Garten weckt, die Tage länger werden, ein abendliches Feuer zum Grillen einlädt, sich alles wieder etwas entspannt.

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Figaro finito. Nun war ich also endlich bei meinem Friseur, den ich aus Datenschutzgründen Mozart nenne, weil er Österreicher ist und wie ein Komponist heißt. Seit rund 35 Jahren, also mehr als mein halbes Leben lang, schneidet er meine Haare, und nun hat er aufgegeben. Wegen Corona, weil es ihm gesundheitlich immer mehr zugesetzt hat, den ganzen Friseurtag hindurch die Maske zu tragen. Aber immerhin durfte ich als einer der treuesten Kunden noch auf ein letztes Mal zu ihm in die Wohnung kommen, wo er routiniert und virtuos wie gewohnt durch meine seit einem Dreivierteljahr dahingewucherte und bereits etwas wirre Mähne pflügte. Zum Schluss überreichte ich ihm noch ein kleines Abschiedsgeschenk, worauf er mir im Gegenzug offerierte, ich könne meinen Haarhaufen mitnehmen und damit zu Hause die Pflanzen düngen.



Ich habe das ganz behutsam abgelehnt, denn irgendwie ist es eine seltsame Vorstellung, dass unsere Tomatenpflanzen oder der Rosmarin aus meinen Haaren herauswachsen sollten.

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