Dienstag, 22. September 2020
Di., 22. September
Dr. Lohse berichtet: die 27. Und 28. Woche der Pandemie
In der Küche blubbert es. Und riecht nach Hefe. Ich habe es nicht mehr ausgehalten und vor einer Woche Weinlese gefeiert. Es sind acht Kilo Trauben von meinen beiden Weinstöcken im Garten zusammengekommen, wunderschöne tief blauschimmernde duftende Weintrauben. Wenn ich eine Handvoll in den Mund schiebe und zerdrücke, rinnt süßer Tropfen in mich – pures Leben!
Die Trauben wurden gelesen, zerdrückt und in ein Fässlein gegeben, Hefe dazu, Gärrohr und los geht das Geblubbere. Gestern trennte ich dann den Trester vom Weinsaft, um diesen dann weiter gären zu lassen. Da machte ich einen klitzekleinen Fehler und kostete einen Schluck. Fast ungenießbar, sauer. Nachdem ich das Ganze mit Freunden ja selber trinken werde, erlaube ich mir, den Rat eines Erfahrenen zu beherzigen und gebe etwas Zucker dazu. Schon schmeckt es, aber wie! Jetzt blubbert der Saft weiter und füllt die Küche mit duftenden Versprechen.

An der Virusfront blubbert es leider auch, teils über zweitausend neue Fälle pro Tag in Deutschland. Ob das mit den Reiserückkehrern gekommen ist, oder durch die diversen offiziellen oder inoffiziellen Lockerungen und Unvorsichtigkeiten, weiß ich nicht. Unser Landkreis ist mittlerweile umgeben von Landkreisen mit deutlich höheren Fallzahlen. München hat eine Quote von 56 Neuinfektionen pro hunderttausend Einwohnern pro Woche!
Als damals vor langer Zeit die erste Pandemie-Welle im Abklingen war, schworen alle unsere Politiker, dass ganz klare Verschärfungen bei erneutem Ansteigen verkündigt würden. Deutschland setzte sich die Grenze von 50, Bayern als Einserschüler die Grenze von 35 Neuinfektionen. Wo gehört die Landeshauptstadt München hin? Nicht zu Deutschland, nicht zu Bayern, nein es muss eine eigene Welt sein (das allerdings vermute ich schon lange): Nur die Schüler müssen klare Verschärfungen hinnehmen, nämlich die Maske im Unterricht auflassen. Sonst wird jetzt erst einmal neu berechnet, und beobachtet und geredet und gefeiert, schließlich is ja ozapft, Wiesnzeit. Irgendwie typisch München.

Während der Infektionsdruck bei uns langsam wieder steigt, schießt er in Spanien und Frankreich steil nach oben, die Zahlen der Neuinfektionen übersteigen unsere um ein Vielfaches. Aber trotz der trügerischen Ruhe sind die Verwaltungen und die kassenärztliche Vereinigung Bayerns wieder aufgewacht. So bin ich seit ein paar Tagen stolzer Inhaber eines neuen Titels: „Ärztlicher Koordinator“ der KV für den Landkreis. Bevor ich diesen seltsamen Job annahm, fragte ich zur Sicherheit meine bessere Hälfte. Kommentar: „Du machst doch eh schon die Hälfte von dem Job, dann mach`s doch gleich offiziell und ganz“. Hat sie eigentlich recht. Also bin ich nun auch in offizieller Mission unterwegs. Mein neues Amt ist für jeden Landkreis Bayerns erschaffen worden, benannt wird der koordinierende Arzt von der kassenärztlichen Vereinigung. Es sollen alle ambulanten ärztlichen Kräfte gebündelt werden, die Ämter sollen mit Rat und Tat unterstützt werden und die KV soll die Probleme vor Ort unmittelbar kommuniziert bekommen. Falls jemand nicht weiß, wer die KV ist: Die kassenärztliche Vereinigung ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechtes, besetzt gleichberechtigt mit Krankenkassen und Ärzten. Ein riesiger Verwaltungsapparat, der die Mittel der Kassen für die ambulante Versorgung verteilt. Wenn es gelingt, die Kraft der Institutionen der Gemeinden, Landratsämter, Bezirke und Landesministerien mit denen dieser finanziell gut ausgestatteten Einrichtung so zu verbinden, dass sie an einem Strang zögen, dann ist mir nicht bang. Nur: Die Chemie zwischen den diversen Unterabteilungen dieser Player passt nicht immer, wie sich im K-Fall gezeigt hatte. Auf der Ebene des Landkreises ist es nun mein Job, diese Chemie soweit wie möglich zusammen zu mixen. Da bin ich gespannt, wie oft ich mir die Finger verbrenne.

Es wird spät, vor mir steht noch ein Glas Federweisser, d.h. angegorener Traubensaft und wartet darauf, von mir geleert zu werden. Nicht dass man nun glaube, ich tränke jeden Abend einen Alkohol, aber Wochentagebuch schreibe ich meist am Wochenende, und da erlaube ich mir solch verwerflich lecker Ding.

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Summ, summ, summ! Was gäbe es schöneres als auf unserem Balkon zu sitzen und mit Blick auf die Münsinger Kirche und die direkt dahinter liegende Bergkette in der zarten Morgensonne das samstägliche Frühstück einzunehmen. Würde nicht alle circa zehn Minuten ein verhaltensauffälliger Motorradfahrer auf der Weipertshausener Straße seine Maschine auf saubere 100.000 Dezibel hochdrehen, könnte man durchaus von einer Idylle sprechen. Halt, doch, es gibt noch andere Störenfriede, die zwar einerseits nicht ganz so laut brummen und auch etwas kleiner sind, andererseits aber wesentlich näher kommen. Zum Beispiel stürzen sie sich zu zehnt auf meine frisch gestrichene Honigsemmel, wenn ich nur kurz meinen Platz verlasse, um Tee nachzuschenken. Komme ich zurück, schauen sie mich entsetzt an und fliegen panisch davon, denn es hat sich in der Wespencommunity offenbar herumgesprochen, dass ich einen Steuber besitze (siehe Bild!).



Die nach unserem ehemaligen Wolfratshausener Ministerpräsidenten benannte, einem Tennisschläger nachempfundene Elektrokeule ist der furchteinflößende Feind aller Insekten. Seitdem die Weipertshausener Tundra im August massiv eingenässt wurde, benutze ich sie vor allem gegen Mückenpopulationen, aber auch gegen Fliegen und Wespen. Bienen gibt es ohnehin keine mehr, und wenn gelegentlich eine von diesen riesigen Hornissen angeröhrt kommt, gehe ich lieber nach drinnen und warte, bis sie wieder weg ist. Mücken lassen sich mit dem Steuber mühelos und sicher erledigen, es gibt einen kleinen Blitz, wenn sie auf die Elektrodrähte treffen, und das wars. Fliegen muss man etwas länger grillen, und das riecht dann auch ein bisschen verkokelt. Wespen hingegen – und jetzt komme ich zum eigentlichen Thema – sind nach einem Treffer lediglich etwas angeknockt, fliegen ein paar Mal verwirrt im Kreis und finden meine Honigsemmel nicht mehr.



Zur Entschädigung und damit sie sehen, dass ich persönlich nichts gegen sie habe, habe ich ein Stück weg vom Frühstückstisch einen eigenen Essplatz eingerichtet, auf dem sie jeden Tag einen Apfel serviert bekommen, den sie innerhalb von gut sechs Minuten komplett verspeisen – zu sehen auf einem Video, das ich davon gedreht habe.

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